Blitzgedanken

Kinder sind die Kommata im Alltagsrauschen.

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Schulranzenparty

Es gibt immer wieder weltbewegende Ereignisse im Leben von Eltern. Heute: die Schulranzenparty. Diese “Party” ist eine Verkaufsschlacht, die sich die beiden großen Schorndorfer Ranzengeschäfte seit einigen Jahren liefern.

In diesem Jahr hat Leder-Taschen-Hüte-Uhlig die Nase vor Kaufhaus-Rausch-Bantel gehabt, hat eine Woche früher die Räumlichkeiten in der Stadthalle angemietet und dort Tische in der Mitte und an den Seiten angeordnet. Bisschen Werbe-Wandbehang für die richtige Kaufstimmung. In die Mitte kommen Lock(erungs)mittel in Gestalt von Süßigkeiten- und Luftballon-Bergen auf die Insel des Kinderglücks. An den Rand kommt die Armada der neuen Schulranzenmodelle, sauber nach blau-schwarz (coolaffin) und rosa-pink-glitzrig (zickenaffin) plus Spiegel zum Bewundern getrennt. Und natürlich nach Marken. Was bei uns früher Scout und Amigo waren, sind heute Scout, McNeill, DerDieDas, und Sammies bzw. Step by Step (beides Samsonite). So ganz ist das Monopol auf kastige Buchtragehilfen also immer noch nicht gebrochen…

Die Faszination Schulranzen wird in Deutschland augenscheinlich auch weiterhin das Paradoxon am Leben erhalten, dass die Kinder zwar nicht mehr so viel schleppen sollen wie früher und die Lehrer auch brav immer mehr bemüht sind, den Inhalt des Ranzens gering zu halten. Doch ist es hierzulande unvorstellbar, KEINEN großen klobigen Ranzen mit einem darunter verschwindenden Trägerwesen einzuschulen. Ob nun Bücher da rein kommen oder nicht. So fest verankert ist das im kollektiven deutschen Elterngedächtnis, dass für ein paar Jahre in Italien arbeitende Freunde von uns gar extra für den Schulranzenkauf nach Deutschland reisten. Denn in Italien gibt es diese Transportkisten gar nicht. Dort werden Schulbücher grundsätzlich in der Schule gelassen. Und ein paar notwendige Blätter und Stifte in Mappen oder kleinen Rucksäcken transportiert. DAS werden wir hierzulande sicherlich nicht mehr erleben. Dafür haben wir hier das Glück leuchtender Kinderaugen beim Anblick grusliger, glitzernder, cooler, süüüüßer oder einfach nur topmodisch gemusterter Ranzenkollektionen.

Das sind die Rahmenbedingungen, unter denen wir uns auf die heutige Schorndorfer Schulranzenparty wagten. Als erste. Eine viertel Stunde zu früh. (Man sollte die Werbezettel auch richtig lesen…) Nach Abstauben des Schnees und säuberlichem Aufhängen aller Winterklamotten wandten wir unseren Geist gemächlich dem Ziel des Vormittags zu, während hinter uns viele andere Eltern die Ranzenarena (wie ehedem zu Schlussverkaufszeiten die Wühltische) stürmten. Schnell schnell! Bald ist Einschulung! ??? Im September… Egal. !!!

Zielstrebig tendierte die Tochter des Hauses in die zickenaffine Ecke, die Eltern schlossen leicht gequält die Augen. Doch, siehe da: Nachdem die Nemesis des pink-lila-silber-glittrigen Fantasieeinhorn-Ranzens kaum noch abwendbar schien, entdeckten wir einen einsamen, stillen, rot-orange-gelben Ranzen. Mit kleinen Vögeln, Gingkoblättern und einem Herzen mit dem Schriftzug “Love Romance” bestickt, O.K. Aber NICHT pink! Die Tochter war tatsächlich hin und weg, die Farben eines Sonnenaufgangs bald täglich morgens zur Begrüßung auf den Rücken schnallen zu dürfen (ja, liebe Eltern – gezielte PR ist auch im Umgang mit Kindern nicht zu verachten…) Und ihr Bruder war der Meinung, dass sie damit einen Ranzen erworben hat, den sonst niemand in der Schule trägt. So wie sein eigener auch ein echtes Unikat ist. Was als Alleinstellungsmerkmal offensichtlich positiv gewertet wird.

Jetzt haben wir also den größten Batzen vor der Einschulung des zweiten Kindes auch hinter uns gebracht. Erfolgreich. Und uns den dritten Kaffee des Morgens verdient.

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Schwierige Scheidung?

Stuttgart, 15. Januar 2009: Auf dem Weg in die Liederhalle Stuttgart flankieren leicht gepanzerte, blaulichtbestückte Zivilmercedesse den Korso der “hoffentlich-grade-noch-nicht-zu-spät-kommenden” Automassen, die hektisch kurbelnd einen Parkplatz zu ergattern suchen. Röcke werden gerafft, im Eilschritt geht es in den Beethovensaal, wo die zivil eskortierten Stuttgarter Größen bereits in aller Ruhe in ihren Logen sitzen – die durften schließlich direkt vor dem Eingang aus den Fahrzeugen gekippt werden. So, jetzt haben auch die letzten Plebejer ihre Plätze eingenommen (wir auch).

Wo wir sind?  Bei einem Konzert der Extraklasse: Das Radiosinfonieorchester des SWR, die Violonistin Anne-Sophie Mutter und der Kontrabassist Roman Patkoló geben sich die Ehre. Letzterer interessiert mich natürlich am meisten, tritt doch der Kontrabass nur äußerst selten aus dem Schatten des orchestralen Basisgebrumms. Auch wenn er von Natur her eher schultersenkend zurückhaltend ist und höchstens die Stimmlöcher leicht abschätzig verzieht beim Anblick der Selbstwert-Rangeleien in den anderen Streicherklassen, so hat er das Versteckspiel eindeutig nicht nötig, wenn er an einen beherzten Solisten wie diesen gerät.

Zu Gehör kamen an diesem Abend: Paul Hindemiths Sinfonie “Mathis der Maler”, das Doppelkonzert für Violine und Kontrabass von André Previn, Wolfgang Amadeus Mozarts Ouvertüre zur Oper “Le nozze de Figaro” und Sofia Gubaidulinas Konzert “In tempus praesens” für Violine und Orchester. Anstrengend für die Ohren waren vor allem die Sinfonie und das Violinkonzert – aber ein Genuss, der Arbeit des Sinfonieorchesters zuzuschauen. Ein komplexer Organismus, wogend und präzise. Mozarts Ouvertüre schien so fehl am Platz zu sein und wurde vor allem mit begeisterter Effizienz gespielt – Standard als Erholung zwischen all den anderen Werken, die das Orchester sicherlich herausgefordert haben. Tatsächlich war eigentlich ein anderer Ablauf unter einem anderen Dirigenten geplant: Statt des erkrankten Komponisten Previn stand der junge Dirigent Michael Francis (auch er übrigens ein Bassist) auf der Bühne und ersetzte die eigentlich geplante Ouvertüre zum Rosenkavalier mit ebenjenem schweren Werk von Hindemith. Wohl sehr zum Leidwesen der uns umsitzenden Zuhörer, die die leichtgängigere Kost des Mozart mit deutlich mehr Begeisterung begrüßten – und hörbarer Erleichterung, dass sie wenigstens ein Stück des Abends verstehen konnten…

Previns Komposition war sicherlich das eingängigste der moderneren Stücke – meiner Meinung nach konnte Patkoló sein Talent hier nicht voll zur Geltung bringen, trotzdem waren die ihm auf den Leib komponierten, eher beschwichtigend klingenden Gegenparts zur schroff-garstigen Violine der Mutter in ihrer Fingerfertigkeit wirklich unglaublich. Gewundert über die (auf die Solisten, nicht auf die Instrumente zugeschnittenen) Violinparts habe ich mich schon. Zwischen zickig-allürenhaften Parts gab es einzelne Einstreuungen sentimentaler Ergüsse, die auch noch so überzeugend gespielt wurden, dass meine eh schon geringe Neugier auf Anne-Sophie Mutter als Person nur noch mehr abnahm. Hinterher habe ich erfahren, dass Previn ihr Ex-Gatte ist und ihr solche Passagen also mit einem intimeren Wissen auf den Leib geschneidert haben muss. Oha, ob es da wohl gewisse Differenzen hinsichtlich der Scheidung gab? Und ist Mutter zu naiv oder zu überzeugt von sich, um diese Selbstdarstellung darzubieten. Oder hat sie womöglich einen hohen Grad an Selbstironie?

Alles in allem: Ein Konzert, das ich eigentlich noch einmal besuchen müsste, um wenigstens im Ansatz die Stücke begreifen zu können. Denn auch ich bin, das gebe ich zu, nur ein kurzfristig geneigter Hörer schwer eingängiger Stücke, die eigentlich einen aufmerksamen, analysierenden Zuhörer brauchen – auch viele Varianten des Jazz zeichnet das aus. Interessant, ja. Auch überwältigend hier und da, aber niemals entspannend.

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Doktorzwang?

Warum vergeht ein halbes Jahr wie gefühlte vier Wochen? Da ich kein Freund philosophisch geprägter Reminiszenzen bin, lasse ich das unbeantwortet und stelle es einfach fest: Es ist ein neues Jahr, und wenn ich mich nicht beeile, ist das neue Jahr auch bereits wieder einen Monat alt. Vergeht die Zeit wie im Flug, bleiben allerdings auch alle müßigen Gedanken auf der Strecke – also gab es hier an dieser Stelle eh nicht viel zu berichten. Zuletzt habe ich aber noch eine Sache gelernt: Kein promovierter Mensch wird quasi gezwungen, seinen Titel im Namen zu führen. Alle gezierten Entschuldigungen promovierter Bekannter, sie könnten ja nun mal nichts dagegen, sie seien nun eben Doktoren und als solche auch behördlich zu dem Namenszusatz verpflichtet? Juristisch betrachtet sei das Unfug, behauptet zumindest Christoph Drösser in seiner Kolumne “Stimmt’s?” in der Wochenzeitung Die Zeit. Der “Doktor” ist demnach kein Titel, sondern eben (wie “Diplom-” oder “Professor”) ein akademischer Grad. Jeder promovierte Mensch hat lediglich die MÖGLICHKEIT, den Grad in Pass und Perso eintragen zu lassen – im Gegensatz zu allen anderen akademischen Graden. Und das auch erst seit dem Jahr 1988. Interessant, oder? Es ist also tatsächlich eine persönliche Vorliebe und keine “blöde Vorschrift”, ob man nun den Doktor sehen lässt oder nicht. Was nicht heißen soll, dass ich dagegen bin – ich finde, viele Promovierte haben sich den Grad redlich verdient und dürfen ruhig ein wenig damit kokettieren!

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Amok

“Jetzt läuft der wieder Amok” war in den achtziger Jahren (jedenfalls in meiner näheren Umgebung) noch eine eher amüsiert abwertende Bezeichnung dafür, dass irgendein Blödmann sich unangebracht aufregte. Heute gibt es richtige Amokläufer, nach allen Regeln und Definitionen, wie die der Weltgesundheitsorganisation WHO:

“Amok ist eine willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblich (fremd-)zerstörerischen Verhaltens. Danach Amnesie und/oder Erschöpfung. Häufig auch der Umschlag in selbst-zerstörerisches Verhalten, d.h. Verwundung oder Verstümmelung bis zum Suizid.” So ändern sich die Zeiten.

Bis jetzt sind die bekannten Amokläufer männlichen Geschlechts, die die Schuld an den eigenen, schweren psychischen Problemen erst an Anderen fest machen, um dann nicht etwa unglücklich still und leise aus dem Leben zu scheiden, sondern nach unter Umständen jahrelangem “in sich Reinfressens” einfach, aber wirkungsvoll ausrasten (auch so ein 80er-Jahre Wort, das inzwischen den metallischen Beigeschmack einrastender Schusswaffenmagazine hat).

Frauen sind soweit noch nicht gesunken. Jedenfalls hierzulande. Selbstmordattentäterinnen gibt es andernorts schon. Wenn auch aus anderen als rein egozentrischen Gründen, wie sie glauben. Aber ob wir noch lange darauf warten müssen, bezweifle ich stark, nachdem ich mal wieder an einem Freitag Abend den Heimweg durch die Innenstadt gewählt habe. Ich muss schon sagen, mit der Emanzipation nehmen es die jungen Mädchen vor allem hinsichtlich typisch männlicher (auch noch eine Erinnerung aus den Achtzigern und Neunzigern) Unarten ziemlich ernst.

Aus einer Gruppe von vier jungen Männern und vier jungen Frauen liefen die Frauen den Aufdringlichkeiten der Männer davon. Naja, nicht richtig, ich würde mal sagen, halb wollten sie die Aufmerksamkeit der männlichen Hälfte weiter auf sich ziehen, halb wollten sie tatsächlich in Ruhe gelassen werden. Außerdem mussten sie zwischendurch auch mal. Jungs pinkeln hinter Hausecken – Mädchen inzwischen mitten auf der Straße. Zwar mädchenmäßig kichernd, aber eben auch jungenmäßg provozierend. Na gut, dachte ich, was muss, das muss. Und wer weiß, wie der Alkoholpegel war? Fünfzig Meter weiter dann ein junges Paar, der Mann auf dem Weg in die Sparkasse. Ja, ein scheinbar normaler Anblick. Bis die junge Frau erstmal kräftig auf den Gehweg rotzte, bevor sie ihrem Liebsten nachfolgte. Hallo? Haben wir alle zu viel Charlotte Roche gelesen??? Irgendwie würde ich heutzutage nicht mehr so gerne ein junger Mann sein – die inzwischen auf ihre eigene äußere Erscheinung sehr genau achten und jetzt rotzend-pissende, oft inzwischen nicht nur verbal, sondern auch physisch attackierende Gören als Herzensdamen wählen dürfen.

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