Stuttgart, 15. Januar 2009: Auf dem Weg in die Liederhalle Stuttgart flankieren leicht gepanzerte, blaulichtbestückte Zivilmercedesse den Korso der “hoffentlich-grade-noch-nicht-zu-spät-kommenden” Automassen, die hektisch kurbelnd einen Parkplatz zu ergattern suchen. Röcke werden gerafft, im Eilschritt geht es in den Beethovensaal, wo die zivil eskortierten Stuttgarter Größen bereits in aller Ruhe in ihren Logen sitzen – die durften schließlich direkt vor dem Eingang aus den Fahrzeugen gekippt werden. So, jetzt haben auch die letzten Plebejer ihre Plätze eingenommen (wir auch).
Wo wir sind? Bei einem Konzert der Extraklasse: Das Radiosinfonieorchester des SWR, die Violonistin Anne-Sophie Mutter und der Kontrabassist Roman Patkoló geben sich die Ehre. Letzterer interessiert mich natürlich am meisten, tritt doch der Kontrabass nur äußerst selten aus dem Schatten des orchestralen Basisgebrumms. Auch wenn er von Natur her eher schultersenkend zurückhaltend ist und höchstens die Stimmlöcher leicht abschätzig verzieht beim Anblick der Selbstwert-Rangeleien in den anderen Streicherklassen, so hat er das Versteckspiel eindeutig nicht nötig, wenn er an einen beherzten Solisten wie diesen gerät.
Zu Gehör kamen an diesem Abend: Paul Hindemiths Sinfonie “Mathis der Maler”, das Doppelkonzert für Violine und Kontrabass von André Previn, Wolfgang Amadeus Mozarts Ouvertüre zur Oper “Le nozze de Figaro” und Sofia Gubaidulinas Konzert “In tempus praesens” für Violine und Orchester. Anstrengend für die Ohren waren vor allem die Sinfonie und das Violinkonzert – aber ein Genuss, der Arbeit des Sinfonieorchesters zuzuschauen. Ein komplexer Organismus, wogend und präzise. Mozarts Ouvertüre schien so fehl am Platz zu sein und wurde vor allem mit begeisterter Effizienz gespielt – Standard als Erholung zwischen all den anderen Werken, die das Orchester sicherlich herausgefordert haben. Tatsächlich war eigentlich ein anderer Ablauf unter einem anderen Dirigenten geplant: Statt des erkrankten Komponisten Previn stand der junge Dirigent Michael Francis (auch er übrigens ein Bassist) auf der Bühne und ersetzte die eigentlich geplante Ouvertüre zum Rosenkavalier mit ebenjenem schweren Werk von Hindemith. Wohl sehr zum Leidwesen der uns umsitzenden Zuhörer, die die leichtgängigere Kost des Mozart mit deutlich mehr Begeisterung begrüßten – und hörbarer Erleichterung, dass sie wenigstens ein Stück des Abends verstehen konnten…
Previns Komposition war sicherlich das eingängigste der moderneren Stücke – meiner Meinung nach konnte Patkoló sein Talent hier nicht voll zur Geltung bringen, trotzdem waren die ihm auf den Leib komponierten, eher beschwichtigend klingenden Gegenparts zur schroff-garstigen Violine der Mutter in ihrer Fingerfertigkeit wirklich unglaublich. Gewundert über die (auf die Solisten, nicht auf die Instrumente zugeschnittenen) Violinparts habe ich mich schon. Zwischen zickig-allürenhaften Parts gab es einzelne Einstreuungen sentimentaler Ergüsse, die auch noch so überzeugend gespielt wurden, dass meine eh schon geringe Neugier auf Anne-Sophie Mutter als Person nur noch mehr abnahm. Hinterher habe ich erfahren, dass Previn ihr Ex-Gatte ist und ihr solche Passagen also mit einem intimeren Wissen auf den Leib geschneidert haben muss. Oha, ob es da wohl gewisse Differenzen hinsichtlich der Scheidung gab? Und ist Mutter zu naiv oder zu überzeugt von sich, um diese Selbstdarstellung darzubieten. Oder hat sie womöglich einen hohen Grad an Selbstironie?
Alles in allem: Ein Konzert, das ich eigentlich noch einmal besuchen müsste, um wenigstens im Ansatz die Stücke begreifen zu können. Denn auch ich bin, das gebe ich zu, nur ein kurzfristig geneigter Hörer schwer eingängiger Stücke, die eigentlich einen aufmerksamen, analysierenden Zuhörer brauchen – auch viele Varianten des Jazz zeichnet das aus. Interessant, ja. Auch überwältigend hier und da, aber niemals entspannend.